Ruanda 1994 - die inszenierte Tragödie
Einleitung

Bis die Löwen ihre eigenen Geschichtsschreiber hervorbringen,
wird die Geschichte der Jagd nur den Jäger verherrlichen

Afrikanisches Sprichwort

„Den Völkermord in Ruanda haben zu 100% die Vereinigten Staaten von Amerika zu verantworten!” Das sagte nicht ein ausgegrenzter politischer Führer wie Robert Mugabe oder Fidel Castro. Das sind auch nicht die Worte eines nostalgischen afrikanischen Aktivisten, der den Fall der Sowjetunion betrauert. Der ehemalige Generalsekretär der UNO Boutros Boutros-Ghali sagte das im Juli 1998 und wiederholte es mir gegenüber im November 2002. Leute im Weißen Haus beliebten Boutros-Ghali „Booboo Ghali“ oder „Frenchie“ zu nennen, vor und während seiner Entlassung aus der UNO, betrieben von Madeleine Albright, der damaligen UNO-Botschafterin der Vereinigten Staaten von Amerika, die gegen seine Wiederwahl am 19. November 1996 ihr Veto einlegte.

Seine Analyse widerspricht allen Klischees und gängigen Auffassungen betreffend die Katastrophe in Ruanda, die sich weit über die Grenzen dieses kleinen afrikanischen Landes hinaus ausgewirkt hat. Die Geschichte von Ruanda ist dermaßen durchsetzt mit Klischees und Vorurteilen, dass ein moderner Flaubertianer daran gehen müsste, ein neues Wörterbuch herauszugeben.

Sein Leben lang wollte Flaubert ein Lexikon all dessen zusammenstellen, was in guter Gesellschaft für richtig und angemessen befunden werden sollte und besonders die Dinge loben, in denen die richtig Denkenden übereinstimmen. Was sollte etwa über Ruanda auf Cocktailparties in Europa und Nordamerika gesagt werden – was Boutros-Ghali offenbar nicht gesagt hat – um der Denkweise der richtig Denkenden zu entsprechen? Wenn in solchen Gesellschaften Ruanda erwähnt wird, können Sie sicher sein, einige oder alle der folgenden Argumente zu hören:

  • Ruanda ist ein schönes kleines Land, gelegen auf einem Hochland im Herzen des Dunklen Kontinents Afrika, wo schreckliche Hutu -Massenmörder eine Million wehrloser Tutsis ermordet haben, nachdem ein afrikanischer Diktator bei einem Flugzeugabsturz am 6. April 1994 ums Leben gekommen war.

  • Die UNO und die internationale Staatengemeinschaft waren hoffnungslos überfordert und konnten nicht rechtzeitig reagieren, trotz der klaren Warnung, die per Fax am 11. Januar 1994 vom tapferen kanadischen General Roméo Dallaire gesendet worden war und trotz der zahlreichen Warnungen seitens engagierter und neutraler Menschenrechtsarbeiter.

  • In einem vorhersehbaren Wiederaufflackern seiner schändlichen kolonialistischen Vergangenheit beeilte sich Frankreich, seine Armee zur Rettung der Massenmörder und Diktatoren im Rahmen der Operation Turquoise zu entsenden.

  • Die Ruandische Patriotische Front (RPF) unter Führung des brillanten militärisch-politischen Strategen Paul Kagame, jetzt Präsident von Ruanda, beendete den Massenmord am 4. Juli 1994 mit dem Einmarsch nach Kigali und übernahm die Macht am 19. Juli 1994.

  • Unter dem Druck unabhängiger nicht-staatlicher Menschenrechtsgruppen und im Licht der von diesen verbreiteten glaubwürdigen Information kam die internationale Staatengemeinschaft wieder zu Sinnen, richtete den Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda (ICTR – International Criminal Court for Rwanda) ein, verhaftete die blutrünstigen Massenmörder, erhob Anklage und stellte die führenden Köpfe vor das Gericht in Arusha, wobei besonderer Dank der kanadischen Anklägerin Louise Arbour gebührt, die es später zur Richterin am Obersten Gerichtshof in Kanada und dann zur Leiterin der UNO-Menschenrechtskommission brachte (ab 2004 UN-Hochkommissarin für Menschenrechte).

  • In dankenswerter Weise wurde nach all den Jahrhunderten, in denen Vergewaltigung als Waffe in Krieg und Beherrschung eingesetzt worden war, ein Mann endlich von einem internationalen Gericht der Vergewaltigung als Verbrechen gegen die Menschlichkeit überführt. Dafür und für weitere Verbrechen gegen die Menschlichkeit verbüßt der Rohling jetzt eine lebenslange Freiheitsstrafe in einem Gefängnis in Mali.

  • Die Massenmörder flohen aus Ruanda und afrikanische Diktatoren in der Region gewährten ihnen weiterhin Unterstützung. Daraufhin führte Ruanda zu Recht einen defensiven Angriffskrieg im benachbarten Kongo, der bis heute andauert. Nichtsdestotrotz kam die internationale Staatengemeinschaft dank dem kanadischen Premierminister Jean Chrétien, seinem Neffen Botschafter Raymond Chrétien und dem kanadischen General Maurice Baril den ruandischen Flüchtlingen zu Hilfe, retteten sie vor den Massenmördern und ermöglichte ihnen die freie Rückkehr in ihr Land. Nachdem aber einige die Rückkehr verweigerten, war Ruanda weiterhin berechtigt, seinen defensiven Angriffskrieg zu führen. Unglücklicherweise wurden bis jetzt über vier Millionen Menschen getötet.

  • Im Namen der internationalen Staatengemeinschaft entschuldigten sich Präsident William Jefferson Clinton und seine Außenministerin Madeleine Albright für ihre und unsere zurückhaltende Reaktion während des Völkermordes und versprachen, nie wieder solche Verbrechen zuzulassen.

Wer hat nicht Geschichten dieser Art gelesen oder gehört? Ist es möglich, dass es sich dabei um reine Klischees oder gängige falsche Vorstellungen handelt? Liegt die Wahrheit ganz woanders? Hatte Boutros Boutros-Ghali recht, als er eine Ecke des sehr gewichtigen Felsens amerikanischer Verantwortung aufhob, um zu sehen, was darunter liegt?

Das Problem der ruandischen Tragödie liegt darin, dass niemand hinzusehen wagt. Es ist wie in der Geschichte von Blaubart, der honigsüß seiner Frau die Schlüssel zu seinem Schloss übergibt, sie aber davor warnt, eine bestimmte Tür zu öffnen. Im Gegensatz zu Blaubarts Frau haben wir alle dem Tyrannen gehorcht.

Ziel dieses Buches ist es, nicht zu gehorchen und den oder die Schlüssel zu benützen, um die Tür zu öffnen und herauszufinden, was dahinter liegt. Viel Papier wurde vollgeschrieben über Ruanda und die afrikanische Region der Großen Seen. In den Regalen von Büchereien und Buchhandlungen füllen sie Meter, aber mit Ausnahme von einigen Feinheiten besagen alle diese Bücher und Berichte das Gleiche.

Oft werden bei einhellig akzeptierten Meinungen Abweichungen nicht geduldet, Hinweise auf sachliche Mängel und Irrtümer werden einfach übertönt und entscheidend wichtige Ereignisse werden verschwiegen. Im Fall von Ruanda finden wir eine Mischung aus einer beschämenden Unterwürfigkeit vor den Machthabern dieser Welt und einer abgrundtiefen Verachtung Afrikas.

Die Einhelligkeit beginnt bei der großzügigen und missbräuchlichen Verwendung des Begriffs “Genozid” und der damit zusammenhängenden Begriffe. Die Entwicklung bis zu seiner weit verbreiteten Verwendung sagt uns mehr über Ziele und Politik der großen Mächte und Kriegsparteien als über das Verbrechen selbst. Der Begriff ist Knüppel und Knebel für Millionen Ruander. Seine weitere gedankenlose Verwendung wird mehr zur Verlängerung des Krieges beitragen als zur Durchsetzung des Rechts.

Das betäubendste Schweigen betrifft den schlimmsten terroristischen Akt der 1990er Jahre, nämlich die Ermordung von Präsident Juvénal Habyarimana von Ruanda und Präsident Cyprien Ntaryamira von Burundi am 6. April 1994. Diese tragische Ermordung von zwei afrikanischen Staatsoberhäuptern wurde im offiziellen internationalen Neusprech zum „Flugzeugabsturz“.

Warum haben Louise Arbour, Kofi Annan, Madeleine Albright und ihre Vorgesetzten von Jean Chrétien bis Tony Blair, Bill Clinton und George W. Bush nicht darauf bestanden, dass die Mörder überführt und vor Gericht gestellt werden sollten? Immerhin hat die „internationale Staatengemeinschaft“ das am 7. April 1994 feierlich versprochen. Die Antwort ist augenfällig: jede ernsthafte Untersuchung dieses Mordes würde das Gedankengebilde zerstören, das so sorgsam errichtet worden ist, um die ruandische Tragödie zu erklären.

Nicht weniger erstaunlich ist das Schweigen über dreieinhalb Jahre Krieg in Ruanda, beginnend mit dem Einmarsch ugandischer Truppen am 1. Oktober 1990, der zur Ermordung der beiden Präsidenten geführt hat. Diesem Krieg folgten weitere Kriege, die alle benachbarten Länder beeinträchtigt und terrorisiert haben, vor allem die Demokratische Republik Kongo. Die Sieger des ruandischen Krieges, die Ruandische Patriotische Front (RPF) waren die Hauptaggressoren gegen den Kongo. Außerdem sind sie die standhaften Verbündeten der Vereinigten Staaten von Amerika und des Vereinigten Königreichs – Präsident Paul Kagame hat als erstes afrikanisches Staatsoberhaupt den Überfall auf den Irak unterstützt. Auch die genaue Untersuchung des Krieges, den die RPF von 1990 bis 1994 und danach geführt hat, würde die offizielle Geschichte wirkungsvoll erschüttern.

Seit 1989 ist die Macht auf der Welt wie nie zuvor in den Händen eines einzigen Landes konzentriert. Man würde erwarten, dass mit dem Fall der Sowjetunion die Kritik am „amerikanischen Imperialismus“ schärfer und stärker geworden wäre und dass mehr Menschen Informationen sammeln und Interessen, Desinformation, Manipulation und geheime Aktivitäten dieser Supermacht aufzeigen würden. Was Ruanda betrifft, ist das sicher nicht der Fall.

Während Frankreich zweifelhafter Motive und schlimmster Sünden bezichtigt worden ist, haben die Vereinigten Staaten von Amerika und ihre treuen Kumpane, in erster Linie Kanada und das Vereinigte Königreich diese Geschichte nahezu unversehrt überstanden und suhlen sich im Anschein moralischer Überlegenheit und Ehrlichkeit.




Wie bei allen Ländern gibt auch die komplexe Geschichte Ruandas Anlass zu vielen Diskussionen. Zusammenfassungen der ruandischen Geschichte in den in letzter Zeit veröffentlichten Büchern sind unweigerlich gefärbt entsprechend den eigenen Positionen der Autoren zur Tragödie 1994. In diesem Buch wird es sehr wenige Hinweise auf die ruandische Geschichte geben. Nicht, weil die ruandische Geschichte uninteressant oder unwichtig wäre, sondern weil die Urheber der offiziellen Geschichtsschreibung der Tragödie der jüngsten Vergangenheit die ruandische Geschichte bzw. ihre eigene Version von dieser dazu benützen, die tatsächlichen Ursachen zu verschleiern und dadurch die wahren Verbrecher schützen. Diese Autoren erklären die Ereignisse von 1994 unweigerlich mit Hinweisen auf Aspekte der ruandischen Geschichte, die sie absichtlich als finster und unheilschwanger in Hinblick auf künftige traurige Ereignisse präsentieren. Sie erwecken den Eindruck, als könne die Entwicklung zum „Genozid“ ausschließlich in der Geschichte Ruandas verfolgt werden und als seien keine anderen Kräfte im Spiel gewesen.

Eine unparteiische Übersicht über Geschichte, Geografie und Demografie Ruandas ist dessen ungeachtet sehr hilfreich. Unter den als objektiv bekannten Büchern ist das umfassende Werk von René Lemarchand, veröffentlicht 1970 in Ruanda und Burundi (Pall Mall Press, London).

Ehe die Europäer ankamen, war Ruanda ein feudales Königreich unter der Herrschaft der Tutsi-Minderheit (Batutsi). Die Tutsis waren hauptsächlich Viehzüchter. Verehrung des Königs und Dichtkunst standen bei den Tutsis in hohem Ansehen, während sie den Ackerbau verachteten. Die Hutu-Mehrheit (Bahutu) bestand zum Großteil aus Bauern, die das Land bearbeiteten und der Tutsi-Aristokratie dienten, der sie Treue und Abgaben schuldeten.

Nach der Berliner Konferenz 1885 und dem europäischen Gedränge um Afrika kamen Ruanda und Burundi unter deutsche Herrschaft, wurden aber indirekt durch die Könige regiert, die als Mwamis bekannt sind. Deutschland beherrschte auch das heutige Tansania, allerdings direkter als Kolonie bis zum Ende der Ersten Weltkriegs 1918. Als die Siegermächte die deutschen Besitztümer aufteilten, bekam Belgien Ruanda und Burundi. Belgien regierte Ruanda und Burundi durch die beiden Könige (Mwamis), beide Tutsis, wodurch die Spaltung zwischen Tutsis und Hutus verschlimmert wurde, wobei letztere über 80% der Bevölkerung ausmachten. Wirtschaftlich wurden Ruanda und Burundi in Belgisch Kongo integriert, dessen damalige Hauptstadt Léopoldville 1971 in Kinshasa umbenannt wurde.

1956 organisierten die Belgier Wahlen, welche die feudale und monarchistische Ordnung erschütterten. In Ruanda revoltierte die Hutu-Mehrheit gegen die Tutsi-Aristokratie im November 1959. Viele Tutsis flohen in Nachbarländer einschließlich Uganda, während andere getötet wurden. Diese soziale Revolution führte zu einem unter Führung der UNO abgehaltenen Referendum im September 1961, zur Unabhängigkeit Ruandas am 1. Juli 1962 und zur Aufteilung von Land unter Hutu-Bauern.

Der ruandische Mwami (Kigeri V) floh vor der Unabhängigkeit. Ruanda wurde eine Republik und Grégoire Kayibanda, der Anführer der Parmehutu Partei wurde der erste Präsident. Burundi blieb nach der Unabhängigkeit Monarchie und die Schlüsselpositionen der Macht wurden weiterhin von Vertretern der Tutsi-Minderheit besetzt, besonders in der burundischen Armee.

Zwischen 1960 und 1967 unternahmen Tutsi-Flüchtlinge, die sich selbst als Inyenzi bezeichnen (Vertreter der offiziellen Geschichtsschreibung haben diesen Ausdruck ausgiebig und in unehrlicher Weise missbraucht. In seinem 1970 erschienenen Standardwerk Rwanda and Burundi definiert René Lemarchand „inyenzi“ folgendermaßen: „der Begriff Inyenzi wird zur Zeit innerhalb wie außerhalb Ruandas verwendet als Bezeichnung für kleine Freischärlergruppen unter Tutsi-Führung, die außerhalb Ruandas ausgebildet und organisiert werden und in der Größe zwischen rund sechs bis zehn Mann variieren ... wörtlich bedeutet es Küchenschaben.“), viele gewalttätige Angriffe gegen die neue ruandische Regierung geführt, wurden aber immer wieder zurückgeschlagen. Jede Attacke führte zu Rachemorden in Ruanda. 1972 wurde Burundi durch ernsthafte Probleme erschüttert. Die von Tutsis dominierte burundische Armee tötete über 100.000 Hutus und viele mehr flohen nach Ruanda. Kurz danach, am 5. Juli 1973, stürzten hohe Offiziere der ruandischen Nationalgarde Präsident Kayibanda. Ihr Anführer Generalmajor Juvénal Habyarimana wurde neuer Präsident. Die nach Revolution und Unabhängigkeit in Ruanda verbliebene Tutsi-Elite unterstützte den neuen Präsidenten Habyarimana.

Von 1973 bis 1990 lebte Ruanda relativ friedlich und prosperierend. Es wurde als ein Modell für wirtschaftliche Entwicklung betrachtet und oft von Weltbank und Internationalem Währungsfonds als Beispiel hingestellt. Das Problem der Tutsi-Flüchtlinge konnte allerdings nicht zufriedenstellend gelöst werden. Es wurde dann auch von höheren Offizieren der ugandischen Armee, darunter viele Tutsis, die in Uganda geboren waren oder dort seit 1959 lebten, zum Vorwand genommen, am 1. Oktober 1990 in Ruanda einzumarschieren. Die Regierung und die weitaus überwiegende Mehrheit der Bevölkerung von Ruanda betrachteten diesen Einmarsch als Konterrevolution, welche die Tutsi-Aristokratie wieder an die Macht bringen sollte. Dieses Buch handelt hauptsächlich von den Ereignissen nach 1990.

Ruanda ist eines der am dichtest besiedelten Länder der Erde. Im April 1994 hatte es 7,600.000 Einwohner, 85 – 90% davon Hutus. Die Fläche Ruandas beträgt 26.340 km², etwa die Größe von Vermont, das ca. 550.000 Einwohner hat.




Einige Worte sind angebracht, um zu erklären, woher dieses Buch kommt. Obwohl Montreal seit 1974 meine Heimat ist, kam ich dorthin nicht von Ontario, wo ich geboren bin, sondern von Ougadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso. Noch genauer – ich kam von Koudougou, etwa 100 km westlich von Ougadougou, wo ich zwei Jahre gewohnt und Englisch und Geschichte unterrichtet hatte. Vor, während und nach meinem Aufenthalt in Koudougou hatte ich das Glück, in fast allen westafrikanischen Ländern zu reisen und zu bleiben, von Mauretanien bis Kamerun, und meinem Interesse für afrikanische Geschichte nachzugehen, die ich an der Universität von Toronto studiert hatte.

Dass ich mich in Montreal, Quebec niedergelassen habe ist kein Zufall. Aus einem französisch sprechenden Land in einer französisch sprechenden Region Afrikas in ein anderes französisch sprechendes Land – Québec – zu kommen, war ganz natürlich. Außer der Sprache gab es auch politische Ähnlichkeiten. Die afrikanische Unabhängigkeit war bei den Afrikanern noch in frischer Erinnerung, und die vielen Quebecer in Afrika redeten damals viel über Unabhängigkeit und kanadischen Kolonialismus in Québec.

In Bamako, Mali, und nicht in Toronto oder Thunder Bay in Kanada hörte ich zum ersten Mal Musik des Quebecer Dichters und Sängers Gilles Vigneault. In N´dhamena, Tschad (früher Fort Lamy) lernte ich, wer Félix Leclerc war. In Koudougou las ich Les nègres blancs d’Amérique (White Niggers of America) und entdeckte die Bedeutung des 24. Juni für die Quebecer. Zur gleichen Zeit und gleich begeistert stieß ich in Yaounde, Kamerun, auf Une vie de boy (Houseboy) von Ferdinand Oyono. In Dakar lernte ich, wer eigentlich Léopold Sédar Senghor war und las Sembène Ousman’s God’s Bits of Wood, und in Nigeria las ich Chinua Achebe’s Things Fall Apart.

Meine persönliche Geschichte erwähne ich, um die Verbindung zwischen diesem Buch und meinem Engagement für die Unabhängigkeit Quebecs aufzuzeigen, die in meinem früheren Buch >Oka: dernier alibi du Canada anglais (Oka: English Canada’s Latest Excuse), das 1991 erschienen ist. 1 Obwohl scheinbar kein Zusammenhang zwischen den beiden Büchern besteht, wenden sich beide gegen allgemein akzeptierte und blind geglaubte Auffassungen, die auf Vorurteilen und versteckten politischen Hintergedanken beruhen. Darüber hinaus könnte meine persönliche Laufbahn sowie auch die von anderen, die sich entlang der wunderbaren Verbindung bewegen, welche die französische Sprache vorgibt, Skeptiker in einer Zeit überzeugen, in der in Zweifel gezogen wird, dass die Francophonie eine sehr wichtige internationale Einrichtung ist und weiterhin bleiben sollte.

Interesse an Afrika und besonders am französisch sprechenden Afrika brachte mich dazu, die Ereignisse in Ruanda in den frühen 90er Jahren sehr genau zu verfolgen. Nach einem Treffen mit Ruandern auf einer Demonstration veröffentlichte ich im September 1994 in der Montrealer Tageszeitung La Presse einen Artikel, in dem ich das damals von Ed Broadbent geleitete International Centre for Human Rights and Democratic Development (Internationales Zentrum für Menschenrechte und Demokratische Entwicklung) kritisierte. 2 Dieser Artikel löste eine Polemik aus, weil er diese und andere Organisationen beschuldigte, in ihrem im März 1993 nach einem 15tägigen Aufenthalt veröffentlichten Bericht Werbung für die Invasionsarmee der Ruandischen Patriotischen Front RPF zu machen. Weiters zeigte der Artikel auf, dass der Bericht und die damit verbundene Medienkampagne den Konflikt verschlimmerten. (Mehr darüber in Kapitel 4.)

Nach Erscheinen dieses Artikels und nach der Einrichtung des Internationalen Strafgerichtshofs für Ruanda im November 1994 durch den UN Sicherheitsrat, interessierte sich mein Bruder John Philpot, Rechtsanwalt in Montreal, ernsthaft für die Tragödie in Ruanda und besonders für die Leute, die wegen Genozids angeklagt und eingesperrt waren. Er veröffentlichte eine wichtige Kritik am Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda, angesiedelt in Arusha, Tansania 3 und wurde zum Rechtsbeistand für einen Ruander beim Berufungsgericht in Den Haag bestellt. Andere bekannte Anwälte in Quebec, Kanada und den Vereinigten Staaten von Amerika entwickelten daraufhin Interesse und übernahmen ebenfalls Vertretungen von ruandischen Gefangenen in Arusha.

Diese Anwälte und ihre gefangenen Klienten sind mit einer entmutigenden Herausforderung konfrontiert. Zuerst und vor allem müssen sie die Richter überzeugen, dass es eine andere Version der Abläufe gibt als die, die Flaubert als „richtig und angemessen“ bezeichnet hätte. Wie alle Tribunale ist auch das Arusha-Tribunal, Richter und so weiter, durch eine internationale öffentliche Meinung voreingenommen, die mehr oder weniger sicher stellt, dass die richtige und angemessene Geschichte ihren Entscheidungen zu Grunde gelegt wird.

Wenn es dieses Buch schafft, diese simplifizierende und einfältige Geschichte in Zweifel zu ziehen und die diesbezügliche öffentliche Meinung zu erschüttern, wird es die Mühe wert gewesen sein.

Der erste Abschnitt beschäftigt sich mit selten diskutierten Ereignissen, die Ruanda an den Rand der Katastrophe gebracht haben, ehe die Präsidenten Habyarimana und Ntaryamira am 6. April 1994 ermordet wurden. Zuerst kam im Oktober 1990 der Einmarsch in Ruanda durch einen Teil der ugandischen Armee, die dieses Land für die folgenden dreieinhalb Jahre mit einem tödlichen Krieg überzog. Während diese Armee den Krieg gegen Ruanda führte, betrieben ausländische Mächte die Einführung eines Mehrparteiensystems, das es Regierung und Armee von Ruanda praktisch unmöglich machte, die Eindringlinge wirkungsvoll zu bekämpfen. Die gleichen ausländischen Mächte unter Führung der Vereinigten Staaten von Amerika, die sich selbst als internationale Staatengemeinschaft bezeichneten, setzten einen sogenannten Friedensprozess in Gang, der die Übertragung der Macht an die Invasoren zur Folge hatte. NGOs („Nichtregierungsorganisationen“) begannen mit der Verleumdung von Ruanda, seiner Führung und seiner gesamten jüngeren Geschichte. In wirksamer Weise wurden sie zu einer Katzenpfote für die Invasorenarmee und amerikanische und britische Interessen in Zentralafrika.

Dieser Abschnitt untersucht auch, wie und warum die Ermordung von zwei afrikanischen Staatsoberhäuptern durch eine gewaltige Verschleierungsoperation verharmlost worden ist. Wem hat diese Vertuschung gedient? Der Abschnitt endet mit einer Studie darüber, was genau die Vereinigten Staaten von Amerika zwischen 6. April und 19. Juli 1994 getan bzw. nicht getan haben, als so viele Menschen in Ruanda ermordet worden sind. Man wird sehen, dass sich die einzige Supermacht auf der Erde wenig um die Anzahl der Toten in Ruanda kümmerte. Washingtons dringendstes Anliegen war es, dass seine Ruandische Patriotische Front RPF den entscheidenden Sieg in diesem Krieg errang – es dauerte viel länger als erwartet – und Frankreich aus diesem Teil Afrikas hinausgeworfen wurde.

Was ist mit dem Genozid/Völkermord? Was mit den Massakern? Jeder hat diese Bilder gesehen, die Macheten, die Leichen und Skelette. Niemand kann behaupten, dass diese Dinge nicht stattgefunden haben. Natürlich nicht! Außer dass die Vereinfachung der ruandischen Tragödie zu einer Geschichte, in der „schreckliche Hutu-Genozidäre“ mit Hilfe und Unterstützung Frankreichs „unschuldige Tutsis“ massakriert haben, die Ursachen verschleiert und die wirklichen Verbrecher schützt. Ruanda hat eine furchtbare menschliche Katastrophe erlitten. Wie andere derartige Katastrophen hatte auch diese politische Gründe. Jede seriöse Analyse wird eindeutig ergeben, dass die nach dem Gut gegen Böse-Schema gestrickte Geschichte ausgehend von westlichen Vorstellungen für die westliche öffentliche Meinung entwickelt worden ist. Die Tatsache, dass sie so einfach übernommen worden ist, zeugt von unserer blinden Unterwürfigkeit gegenüber der Macht und von unserer historischen Verachtung gegenüber Afrika.

Namen müssen genannt werden. Jedes westliche Land rühmt sich seines Journalisten, seines Schriftstellers, seines Menschenrechtsaktivisten oder Anthropologen, der sich vorgedrängt hat, um die richtige und angemessene Geschichte zu erzählen. Pablo Neruda hat ihn – oder sie – sehr gut beschrieben: „Es ist der herumschleichende Feigling, angeheuert, um schmutzige Hände zu loben. Es ist ein Prediger oder Journalist. Plötzlich taucht er auf im Palast, wo er eifrig des Herrschers Ausscheidungen wiederkäut.” 4 Sein Name ist Philip Gourevitch oder Alison Des Forges in den Vereinigten Staaten von Amerika, Carol Off oder William Schabas in Kanada, Gil Courtemanche in Quebec, Linda Melverne im Vereinigten Königreich, Colette Braeckman oder Alain Destexhe in Belgien, Gérard Prunier oder Jean-Pierre Chrétien in Frankreich.

Der zweite Abschnitt beleuchtet, wie die Geschichte ihre Wurzeln in Büchern und anderen Publikationen geschlagen hat. Wissentlich oder nicht haben Autoren von Büchern über Ruanda ihr Material aus einer populären literarischen Tradition über Afrika bezogen. Diese Tradition wimmelt von Metaphern, Bildern und Gemeinplätzen aus einer Zeit, in der Europa Afrikaner versklavt und gehandelt und den Kontinent kolonialisiert hat. Diese Metaphern, Bilder und Gemeinplätze haben alles mit europäischen Vorstellungen und fast nichts mit der afrikanischen Wirklichkeit zu tun. Sie sind entwickelt worden, um das ganz und gar Unrechtmäßige zu legitimieren, nämlich Sklaverei, Sklavenhandel und Europas Beherrschung und Kolonialisierung von Afrika. Je öfter sie wiederholt werden, desto mehr werden sie selbst zur Botschaft der Werke, in denen sie erscheinen.

Vier Bücher über Ruanda von vier verschiedenen Autoren werden untersucht, nicht nur um zu zeigen, dass „das so in Ruanda nicht geschehen ist“, sondern auch und besonders, dass „das so in Ruanda nicht geschehen sein kann“. Die Autoren sind der Amerikaner Philip Gourevitch, die Kanadierin Carol Off, der Quebecer Gil Courtemanche und die Belgierin Colette Braeckman. Alle vier haben dazu beigetragen, die „richtige und angemessene Geschichte“ zu schreiben. Wissentlich oder nicht sind sie alle vier Produkte einer kolonialistischen Mentalität, die sich leider immer mehr breit macht.

Der letzte Abschnitt untersucht die Arbeit des Internationalen Strafgerichtshofs für Ruanda, besonders den Fall Jean-Paul Akayesu, der als erster Mensch des Genozids und der Vergewaltigung als Kriegsverbrechen für schuldig befunden worden ist. Jean-Paul Akayesu hat immer seine Unschuld betont und, was mehr zählt, solide Beweise für die Fälschung von Beweisen, die von der Anklage dem Tribunal vorgelegt worden sind. Chefanklägerin war Louise Arbour, die dann Richterin am kanadischen Obersten Gerichtshof wurde und seit einiger Zeit den Vorsitz der UNO Menschenrechtskommission innehat.

Dieser Abschnitt behandelt auch die Flüchtlingskrise im Jahr 1996 im Osten von Zaire, jetzt Demokratische Republik Kongo. Er zeigt, wie die gleiche Ruandische Patriotische Front RPF, die mit Hilfe der Vereinigten Staaten von Amerika 1994 an die Macht gekommen war, die Geschichte über die ruandische Tragödie, die durch den Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda offiziell gemacht worden war, als Rechtfertigung für den Einmarsch in den Kongo verwendete. Washington nützte diese Flüchtlingskrise aus, um Frankreich aus dem Kongo zu vertreiben, einem Land, das wegen seiner natürlichen Schätze begehrt ist. Dabei wurden die Vereinigten Staaten von Amerika von ihren zuverlässigen Kumpanen in Ottawa unterstützt. Die Chrétien-Regierung konnte es kaum erwarten, die Rolle des antifranzösischen proamerikanischen französischsprachigen Landes zu spielen. In einem Interview in Paris gab Raymond Chrétien, Jean Chrétiens Neffe und Botschafter in Frankreich zu, dass die Operation im November 1996, an der er als Sondergesandter des UNO Generalsekretärs beteiligt war, mindestens eine Million Tote zur Folge hatte!

Der nicht enden wollende Krieg in Kongo hat mit dieser Operation begonnen. Diese hat zum Zusammenbruch dieses Landes und zum mörderischsten Krieg seit 1945 geführt.




1 Robin Philpot, Oka: dernier alibli du Canada anglais, VLB éditeur, 1991.

2 “Ed Broadbent et la crise rwandaise : un rapport préparé avec insouciance” La Presse, September 6, 1994, B3, (Ed Broadbent and the reckless report on Rwanda)

3 John, PHILPOT, Le Tribunal international pour le Rwanda, La justice trahie, in Études internationales, vol. XXVII, No. 4 décembre 1996, Institut québécois des hautes études internationales.

4 Pablo Neruda, Canto General, translated by Jack Schmitt, University of California Press, 1991, p. 169.