Ruanda 1994 - die inszenierte Tragödie
Kapitel 14: Ein herumirrender Ruander, vertrieben aus seinem Heimatland

Während eine groß gewachsene weiße Frau
in einem Nerzumhang
die Schwarzen beobachtete
und an Vergewaltigung dachte.

Langston Huges 124

Jean-Paul Akayesu war der erste Mann in der Geschichte, der von einem internationalen Strafgerichtshof verurteilt wurde wegen Genozid/Völkermord, Vergewaltigung und anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Dennoch verteidigt er vehement – und überzeugend – seine Unschuld. Der ehemalige Bürgermeister der ca. 25 km westlich von Kigali gelegenen Gemeinde Taba verbüßt eine lebenslängliche Freiheitsstrafe im Maison centrale d´arrét in Bamako, der Hauptstadt Malis. Ich besuchte Jean-Paul Akayesu fünf Tage lang im November 2002. Er ist gemeinsam mit drei weiteren Ruandern eingesperrt: Alfred Musema-Uwimana, einem Diplom-Landwirt und Ingenieur, Clément Kayishema, einem Chirurgen und Obed Ruzindana, einem Händler. Sie befinden sich in Bamako, seit sie vom UNO-Gefängnis in Arusha, Tansania im Dezember 2001 verlegt worden sind.

Obwohl es vielleicht ein Widerspruch in sich ist, ist das Maison centrale d´arrét in Bamako ein humanes Gefängnis. Im Gegensatz zu Gefängnissen in Ländern mit einer primitiven Strafkultur wie Kanada und die Vereinigten Staaten von Amerika gibt es hier keine Elemente der sensorischen Deprivation. Die Gefangenen fühlen die Elemente, den Wind, die Hitze und den Regen. Es geht auch humaner zu, weil es in Mali keine Todesstrafe gibt. Menschen sitzen nie länger als 15 Jahre im Gefängnis. Es sieht so aus, als glaubten die Menschen in Mali an Rehabilitation. Generell machen die Gefangenen einen gesunden und guten Eindruck. Streit gibt es selten und die Wachbeamten kommandieren die Gefangenen normalerweise nicht herum. Besucher werden höflich empfangen. Obwohl Bamako staubiger, teurer und viel größer ist als bei meinem letzten Besuch 1974, fühlte ich mich sicherer, sogar im Gefängnis, als in einigen großen amerikanischen Städten.

Darüber hinaus scheinen die Malier von der Dämonisierung der ruandischen Hutus nichts zu halten, die diese in der westlichen öffentlichen Meinung als Ungeheuer erscheinen lässt.

Die Entscheidung, die verurteilten Gefangenen nach Mali zu schicken, wurde von der Zentralverwaltung des internationalen Strafgerichtshofs für Ruanda in Arusha getroffen. Drei weitere Länder, Schweden, Belgien und Norwegen hatten angeboten, die Gefangenen einzusperren, aber die Gerichtsverwaltung lehnte diese Angebote ab mit der Begründung, dass sie ihre Strafe in Afrika absitzen sollten, da sie Afrikaner seien.

Diese Entscheidung mag fürs erste aussehen, als sei sie von einer realen Sensitivität gegenüber Afrikanern getragen. Immerhin sind beide Länder, Mali und Ruanda heiß und liegen nahe dem Äquator. Was allerdings das Problem der Entwurzelung betrifft, kann das Einsperren von Ruandern in Mali verglichen werden mit dem Einsperren von Inuit aus Nunavut in Arizona. Jean-Paul Akayesu fand die Umstellung sehr schwer: „In Mai und Juni, gerade vor der Regenzeit, dachte ich, ich würde die Hitze nicht überleben.“ Ruanda liegt auf einem Hochplateau und die Temperaturen bewegen sich zwischen 10 und 25°C, während in Mali sogar in der „kühlen“ Zeit die Temperaturen oft bis 35 oder 40° steigen. Ruanda ist immer grün, Mali fast immer trocken und staubig. Ruanda wird von Christen, Mali von Moslems bewohnt.

Für Gefangene, die von ihrer Unschuld überzeugt sind, ist das größte Problem die Entfernung von ihren Familien und die Isolation, die eine Kommunikation mit der Außenwelt nahezu unmöglich macht. Als ich Jean-Paul Akayesu im November 2002 besuchte, war ich erst der zweite Besucher seit seiner Ankunft vor einem Jahr. „Das Tribunal schickte uns nach Mali,“ sagte er mir, „weil sie wollten, dass wir aus den Medien verschwinden. Wären wir in Europa oder in Nordamerika, wären wir nicht isoliert. Dort hätten wir Telefone, Besucher und alle Möglichkeiten der Kommunikation. Hier ist Reisen schwierig und teuer. Wie können wir unsere Fälle von hier aus bekannt machen? Wie können wir je auf die Wiederaufnahme unserer Verfahren hoffen?“

„Das alles ist eine Verbannung in die Strafkolonie,“ schrieb sein Mitgefangener Alfred Musema in einem bewegenden offenen Brief an dem Tag, nach dem er „nach Unbekannt deportiert wurde“. Natürlich erreichte sein offener Brief nie die Öffentlichkeit. „Ungerecht zu einer lebenslänglich Freiheitsstrafe verurteilt zu werden bedeutet zu einem langen langsamen Tod verurteilt werden. Während ich schrieb ´Mut!´, schrieben sie ´Ruhe! Du wirst sterben, langsam.´“

Die Gefangenen nach Mali zu verbannen ist die logische Folge der Entscheidung, das Tribunal in Arusha, Tansania einzurichten. Der Mann, der diese Entscheidung ursprünglich getroffen hat, der ehemalige UNO-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali bereut sie jetzt. „Zuerst wollten wir das Tribunal in Den Haag einrichten,“ sagte er mir in einem Interview. „Ich sagte nein. Es war ein afrikanisches Problem. Das Tribunal in Arusha einzurichten war einfach eine Frage der Würde. Deswegen wählte ich Arusha aus. In der Tat war das aber ein Fehler, mein Fehler. Die Einrichtung eines Tribunals braucht bestimmte Voraussetzungen: einen kulturellen Hintergrund, einen legalen Hintergrund, Medieneinrichtungen und mehr. Das alles trägt zur Arbeit eines Tribunals bei. Arusha hatte nichts davon. Es war leer. Und es gilt als unbedeutend. Das Tribunal hätte in einer großen Stadt angesiedelt werden sollen, die sich dafür interessiert hätte. Die psychologische Unterstützung, die eine große Stadt mit ihrer kulturellen Infrastruktur bietet, ist notwendig für die Einrichtung, für die Richter, die Anwälte, die Medien.“

„Und was ist mit den Angeklagten und Verurteilten?“ fragte ich den ehemaligen Generalsekretär.

„Für jeden,“ antwortete er. „Keiner von uns, einschließlich der Juristen hat an die Begleitumstände gedacht, die politischen und organisatorischen Fragen. Wir verurteilen jemanden. Wo wird er seine Strafe absitzen? Wer ist für die Überwachung seiner Gefangenschaft verantwortlich? Warum? Mit diesen Fragen hat sich niemand von uns ernsthaft beschäftigt.“

Boutros-Ghalis Offenheit ist bewundernswert und verdient Hochachtung.

Nichtsdestoweniger kommt sie ziemlich spät für Jean-Paul Akayesu, der seine lebenslängliche Haftstrafe praktisch incommunicado in einem abgelegenen Gefängnis verbringen soll, während sein Name und sein Fall in allen größeren nordamerikanischen und europäischen Medien zitiert und in allen westlichen Juridischen Fakultäten und internationalen Studienabteilungen benutzt werden.




Jean-Paul Akayesu war schockiert, als ich ihm die Titelseite des New York Times Magazine vom 15. September 2003 zeigte, mit einem bearbeiteten Foto der einzigem vom Tribunal eingesperrten Frau, Pauline Nyiramasuhuko und der reißerischen Schlagzeile Die Ministerin für Vergewaltigung. Als er den Hinweis auf seine eigene Verurteilung sah, die der Artikel als Durchbruch im internationalen Recht hinstellte, schüttelte er protestierend seinen Kopf und sagte: „Das ist alles, was sie wollten! Das Tribunal brauchte dringend einen Präzedenzfall und eine Rechtssprechung, auf der sie internationales Recht aufbauen und entwickeln konnten. Ich war nicht einmal angeklagt wegen Vergewaltigung, sondern nur weil ich Bürgermeister war in einer Zeit, in der angeblich Vergewaltigungen nahe dem Gemeindebüro von Taba begangen wurden.“

In der Frage von Vergewaltigungen ist Akayesu bestimmt. „Es gab keine Vergewaltigungen in meiner Gemeinde. Ich hätte davon gehört. Ich habe das vor dem Tribunal unter Eid im Namen des allmächtigen Gottes ausgesagt. Zeugin J.J. 125 konnte mich auch nicht identifizieren, obwohl sie dem Ankläger gesagt hatte, dass sie mich erkennen würde.“

Die Geschichte, wie es dazu kam, dass Jean-Paul Akayesu wegen Vergewaltigung angeklagt wurde, ist verblüffend. „Ich stand in der Mitte meines Verfahrens im März 1997, als Hillary Clinton auf ihrer Afrikatour in Arusha auftauchte. Wegen ihres Besuchs wurde mein Verfahren unterbrochen. Hillary Clinton schloss ihre Rede, indem sie dem Tribunal US$ 600.000 zusagte, falls es Anklagen wegen Vergewaltigung in Verfahren in Arusha einführte. Im Juni 1997 hatte der Ankläger Pierre-Richard Prosper, der unter der Chefanklägerin Louise Arbour arbeitete, meine Anklageschrift überarbeitet, so dass sie jetzt auch Vergewaltigung enthielt, obwohl er seinen Fall gegen mich bereits abgeschlossen hatte. Das alles geschah ungeachtet der Tatsache, dass niemand von Vergewaltigung gesprochen hatte, bevor meine Verhandlung begann.“

Zusätzlich zu Hillary Clinton forderte eine wichtige amerikanische feministische Organisation das Recht auf Intervention als Amicus Curiae oder Freund des Gerichts. Diese Forderung übte zusätzlichen Druck auf das Tribunal aus, Leute wegen Vergewaltigung zu verurteilen.

Der zeitliche Ablauf dieser Ereignisse ist wichtig, um zu verstehen, warum und wie die Anklagen wegen Vergewaltigung Eingang in die Verfahren in Arusha fanden. Zwei Zeugen der Anklage gegen Jean-Paul Akayesu hatten vor dem Ankläger unter Eid ausgesagt, ehe Anklage gegen ihn erhoben und er eingesperrt wurde. Der Ankläger machte diese Aussagen wie verlangt der Verteidigung zugänglich. In keiner Aussage war Vergewaltigung auch nur erwähnt. Die Zeugen hatten die Untersuchungsbeamten der Anklage in der ruandischen Gemeinde Taba im November 1995 getroffen. Eine Zeugin erhob Beschuldigungen gegen Bürgermeister Akayesu, erwähnte aber nichts von Frauen, die vergewaltigt wurden. Sie kam 1997 nach Arusha, nachdem das Thema Vergewaltigung an Bedeutung gewonnen hatte, und fügte Vorwürfe der Vergewaltigung hinzu, aber erst, nachdem sich der Ankläger zwei Wochen lang mit ihr beschäftigt hatte. „Die Zeugin H. war eine ehemalige Schülerin von mir,“ erinnerte sich Jean-Paul Akayesu. „Der Ankläger sagte, sie hätte zwei Wochen lang nicht erscheinen können, da sie krank gewesen sei, aber ich weiß, dass sie so lange brauchten, um sie zu der Aussage zu bringen, dass sie selbst vergewaltigt worden sei.“

Mit der Zeit sind Beweise für falsche Aussagen und die Fälschung von Beweisen ans Tageslicht gekommen. Zum Beispiel bestätigt die eidesstattliche Aussage eines ruandischen Tutsi aus Taba, der an Treffen teilgenommen hatte, bei denen falsche Aussagen gegen Akayesu abgesprochen wurden, dass vor 1997 von Vergewaltigungen keine Rede gewesen war. „Irgendwann im Frühjahr 1997, wenn ich mich richtig erinnere, begannen sie über Zeugen von Vergewaltigungen zu sprechen. Vor diesem Zeitpunkt wurde nichts über Beweise von Vergewaltigungen geredet. Herr Karanwa sagte mir, dass es Witwen und andere gäbe, die leicht manipuliert werden könnten, Zeugenaussagen betreffend Vergewaltigungen zu machen.“ 126 Die Berufungsinstanz in Den Haag weigerte sich einfach, BBBs Zeugenaussage, die Jean-Paul Akayesu entlastet hätte, entgegenzunehmen. 

Ramsey Clark denkt, dass die Leute, die für das Tribunal arbeiteten, die Beschuldigungen wegen Vergewaltigungen in Akayesus und allen anderen Fällen deswegen einführen wollten, um sich bei den Geldgebern des Tribunals in den Vereinigten Staaten von Amerika und besonders bei der Außenministerin Madeleine Albright beliebt zu machen, die das Tribunal als ihre Hinterlassenschaft betrachtete. Diese Ansicht deckt sich mit der von Boutros Boutros-Ghali, der sich über den chronischen Geldmangel des Tribunals beschwerte und dessen Bedeutungslosigkeit in der internationalen öffentlichen Meinung. Niemand wollte hinfahren, und niemand interessierte sich für das Tribunal. Die Lösung war daher, es durch neue Anklagen in die Schlagzeilen zu bringen – „sex it up“ würden die Briten sagen –, welche die Aufmerksamkeit der amerikanischen öffentlichen Meinung erregen würden.

Jean-Paul Akayesus Verurteilung war nicht viel mehr als eine Formsache. „Es genügt, wenn eine Frau zum Gericht kommt und erklärt ´Ich wurde vergewaltigt´ oder ´Ich sah, wie jemand vergewaltigt wurde´,“ bemerkte Akayesu. „Man kann sich gegen solche Beschuldigungen einfach nicht verteidigen.“ Akayesus Beschwerden werden erhärtet durch Erklärungen, welche die Richterin am internationalen Strafgerichtshof für Ruanda Madam Navanethem Pillay auf einer Werbetour durch Kanada im November 1997 machte, ehe die Verteidigung mit dem Fall begann. Im kanadischen Radio CBC erklärte Richterin Pillay, es gäbe in Ruanda 200.000 Opfer von sexueller Gewalt sowie eine politische Strategie der sexuellen Gewalt gegen Frauen. Keinerlei Beweis war diesbezüglich dem Tribunal vorgelegt worden. Sie wiederholte nur die Äußerungen des Anklägers. Wie steht es wohl um den Eckpfeiler des Rechtssystems, dem auch Richterin Pillay angehört, nämlich die Unschuldsvermutung?

Woher kommen diese Geschichten über Vergewaltigungen? Entsprechen sie der Wahrheit? Jean-Paul Akayesu antwortet gerade heraus. „Heirat zwischen Hutus und Tutsis war ganz normal,“ sagte er mir. „Heirat in Ruanda ist außerdem nicht das Gleiche wie Heirat im Westen. Wenn zwei junge Leute sich entscheiden, ein Paar zu werden, reden sie mit ihren Eltern, die für sie die Hochzeit organisieren. Ein Tutsimädchen konnte mit einem Hutuburschen verlobt oder liiert sein. Als die RPF-Armee heranrückte, wäre das Paar mit dem Rest der Bevölkerung zuerst ins südliche Ruanda geflohen und dann in benachbarte Länder wie den Kongo. Nachdem die RPF gesiegt hatte, überredete sie die Tutsifrauen, ihre Gatten zu verlassen. Eine groß angelegte Kampagne wurde gestartet, um diese Frauen dazu zu bringen, ihre Lebensgefährten der Vergewaltigung zu beschuldigen. Oft waren die Frauen schon schwanger. Wenn sie die Kinder zur Welt brachten sagte die RPF, die Neugeborenen seien die Folgen von Vergewaltigung. Nach dem Artikel im New York Times Magazine The Minister of Rape zu urteilen sieht es so aus, als hätten sie uns erfolgreich dämonisiert,“ stellte Akayesu fest.

Für jeden, der eine Ahnung hat von der unentwirrbaren Beziehung zwischen Vergewaltigung und Rasse in den Hirnen der weißen Amerikaner liegt etwas fragwürdiges in all den Horrorgeschichten über Vergewaltigungen, die Ruander angeblich begangen haben sollen. Das erste Mal in der Weltgeschichte, nach Jahrhunderten der Sklaverei, des Rassismus und Kolonialismus, in denen sexuelle Herrschaft ein integraler Bestandteil der umfassenden Herrschaft war, hat ein internationales Tribunal, größtenteils finanziert von den Vereinigten Staaten von Amerika und auf Druck der Frau eines Präsidenten aus den US-Südstaaten, einen Mann zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wegen Vergewaltigung als Kriegsverbrechen, wobei dieser Mann ein Afrikaner ist, der behauptet unschuldig zu sein. Das lässt einen traurig an Billy Holidays Strange fruit denken und an die Lynchmorde an Afroamerikanern, die zu Unrecht der Vergewaltigung beschuldigt worden sind.

In einem Essay über des weißen Amerikas Blutrache an afroamerikanischen Männern schrieb Ishmael Reed: „Ein Publikum von weißen und asiatischen Feministinnen bei einem Seminar zum Thema Vergewaltigung in Berkeley im vergangenen Oktober ging davon aus, dass der „typische“ Vergewaltiger schwarz sei, bis sie von Sallie Werson, Beraterin eines Frauenzentrums informiert wurden, dass 75 bis 80% der Vergewaltiger Weiße sind. 127

In ihrem vor kurzem veröffentlichten Buch Color of Rape, Gender and Race in Televisions Public Spheres (Die Farbe von Vergewaltigung, Geschlecht und Rasse in öffentlichen Bereichen des Fernsehens) geht die feministische Autorin Professor Sujata Moorti näher auf diese Frage ein und kommt zu ähnlich beunruhigenden Schlussfolgerungen. 128 Moorti analysiert die Art, in der die größeren amerikanischen Fernsehanstalten mit dem Thema Vergewaltigung umgehen. Indem sie besonders auf drei groß publizierte Fälle von Vergewaltigung zwischen 1989 und 1991 und die Debatte, die sich daraus entspann einging, kommt Sujata Moorti zum Schluss, dass „das einzige durchgehende Wesensmerkmal die Dämonisierung schwarzer Männlichkeit ist“.

Die Autorin stimmt mit vielen weiteren Wissenschaftlern überein, die aufgezeigt haben, dass Angelegenheiten von Vergewaltigung und Rasse in der öffentlichen amerikanischen Diskussion immer untrennbar zusammenhängen. Moorti behauptet, das „Ängste in Bezug auf schwarze Sexualität weiterhin zeitgenössische Fernsehproduktionen prägen. In der Folge beeinflussen die Mythen vom schwarzen männlichen Vergewaltiger, schwarzer männlicher Bestialität und schwarzer weiblicher Promiskuität die Bilder von schwarzen Frauen und Männern in Vergewaltigungsgeschichten ebenso wie die Erfahrungen schwarzer Frauen und Männer in den Bereichen des Rechts und der Strafjustiz.“ 129 Sie bleibt auch dabei, dass der Rassismus, der 1931 zu der berüchtigten ungerechten Verurteilung der neun „Scotsboro Boys“ wegen Vergewaltigung geführt hat, in der heutigen Berichterstattung über Vergewaltigung in den Medien noch immer die Oberhand hat. 130

Seit dem Erscheinen ihres Buchs haben ihre Schlussfolgerungen an Bedeutung gewonnen. Die Gruppe junger schwarzer Männer, die verhaftet, verurteilt und eingesperrt wurden wegen Gruppenvergewaltigung der Joggerin im New Yorker Central Park wurde freigesprochen, nachdem ein anderer Mann das Verbrechen gestanden hatte und eine DNA-Analyse sein Geständnis bestätigte. Diese Geschichte hatte Hysterie in den gesamten Vereinigten Staaten von Amerika hervorgerufen. Experten, Politiker und die Öffentlichkeit ließen ihren Vorstellungen freien Lauf, als sie diesen Vorfall benutzten, sich über schwarze männliche Gewalttätigkeit in amerikanischen Städten auszutoben. Natürlich dienten Assoziationen mit dem Dschungel in Bildern und Worten zur Untermauerung des Falles.

Wir wissen jetzt, dass das alles nicht geschehen ist und dass die New Yorker Polizei erzwungene Geständnisse vorgelegt hat. Die jungen Männer sind alle unschuldig und klagen auf Schadenersatz. Wer aber kann die ekelhafte Dämonisierung afroamerikanischer Männer rückgängig machen, die über zehn Jahre lang betrieben worden ist?

Die Art und Weise, in der die Medien mit diesem Fall, der dann eine unvorhergesehene Wendung genommen hat, umgegangen sind, bestätigt wiederum eine der wichtigsten Schlussfolgerungen, zu denen Sujata Moorti in ihrem Buch gekommen ist. Die Behandlung von Fällen von Vergewaltigung durch die Medien versucht weder, das Phänomen Vergewaltigung zu verstehen, noch die Situation der vergewaltigten Frau zu begreifen. Die vergewaltigte Frau „wird zum symbolischen Anlass, andere soziale Probleme zu diskutieren“ oder fixe Ideen zum Ausdruck zu bringen. Der Fall der Joggerin im Central Park lieferte exzellentes Material für die Leute, um sich über schwarz-männliche Gewalt in den Ghettos zu beklagen.

Das ist der eindeutig amerikanische Zusammenhang, in dem die Einführung von Vergewaltigungsklagen im Fall Jean-Paul Akayesu, von den New York Times qualifiziert als „der rechtliche Durchbruch“, verstanden werden sollte. Wie der Fall der Joggerin im Central Park, wie die „Scotsboro Boys“ werden die Geschichten von Vergewaltigungen in der ruandischen Tragödie zum symbolischen Anlass, über die angebliche afrikanische Kultur von Gewalt und Unterdrückung zu diskutieren – wobei das eigentliche Thema die westlich/weiße moralische Überlegenheit ist – gerade in einer Zeit, in der die selben westlichen Mächte, besonders die Vereinigten Staaten von Amerika, ihre direkte Kontrolle von afrikanischen Ressourcen und afrikanischen Ländern zu legitimieren bemüht sind.

Die Titelgeschichte des New York Times Magazine im September 2002 unter dem Titel Die Ministerin für Vergewaltigung sticht heraus als besonders krasses Beispiel für ein Zerrbild der Vergewaltigungsgeschichte. 131 Auf zehn Seiten Text mit Fotos wird die Geschichte ausgewalzt und reichlich mit Kommentaren von amerikanischen Anthropologen, Juristen und Psychiatern ausgestattet, die allesamt erbittert und befremdet sind über die unbegreiflich finstere und bösartige Natur der Verbrechen, von denen behauptet wird, dass sie begangen worden sind. Der Artikel geht zwar ausführlich auf die Details dessen ein, was diese Experten sich unter ruandischer Mentalität vorstellen, bringt aber kaum Fakten. Damit folgt er getreulich der gängigen literarischen Tradition über Afrika, entwickelt in Zeiten von Sklaverei und Kolonialismus, wonach sich die Afrikaner gegenseitig umbringen, in diesem Fall halt vergewaltigen, und das ohne jeglichen Grund.

Der Reporter der New York Times erwähnt nicht einmal den Abschuss des Flugzeugs von Präsident Habyarimana, der die tragischen Ereignisse ausgelöst hat. Über die Invasion Ruandas im Oktober 1990 – hätte es keine Invasion gegeben, hätte es auch keine Massaker gegeben – heißt es: „Als die Spannungen 1990 zunahmen“.

Wer könnte sich vorstellen, mit „Als die Spannungen um den 7. Dezember 1941 zunahmen“ die Beziehungen zu den japanischen Bürgern der Vereinigten Staaten von Amerika oder Kanadas zu beschreiben, die zu deren Internierung führten, ohne Pearl Harbour zu erwähnen? Was würde man wohl sagen, wenn der Blitzkrieg im September 1939 gegen Polen in den Medien als „zunehmende Spannungen zwischen Polen und Deutschen“ dargestellt würde? Obwohl die Invasion Ruandas am 1. Oktober 1990 ihrer Natur nach genau dasselbe war wie Pearl Harbour und der Blitzkrieg, wird sie in der New York Times als „zunehmende Spannungen“ hingestellt.

Gore Vidal hat die New York Times als Typhus-Mary des amerikanischen Journalismus bezeichnet in Anspielung auf die New Yorker Köchin, die zwischen 1900 und 1907 unbekümmert ihrer Arbeit nachging und jeden mit Typhus ansteckte, mit dem sie in Berührung kam. Es sieht so aus, dass sich jetzt mit der Globalisierung die Krankheit über die Grenzen der Vereinigten Staaten von Amerika hinaus verbreitet hat. Der gleiche Artikel oder Ausschnitte davon sind in vielen Zeitungen erschienen, einschließlich Toronto Star und The Montreal Gazette in Kanada und Le Courrier international und Le Figaro in Frankreich.




Jean-Paul Akayesu wurde 1993 zum Bürgermeister von Taba gewählt als Kandidat der größten Oppositionspartei gegen Präsident Habyarimana, der Mouvement Démocratique Républicain (MDR). Der Vorsitzende dieser Partei Faustin Twagiramungu, der nach dem militärischen Sieg der RPF im Juli 1994 Ministerpräsident von Ruanda wurde besteht darauf, dass Akayesu unschuldig in allen Punkten der Anklage ist. „Wir wählten diesen Mann zu unserem Kandidaten, da ihn die Tutsis mochten und ihm vertrauten.“

Jean-Paul Akayesu schilderte, wie er sich während der Krise verhalten hat. „Ich scheute keine Mühe, um die Massaker zu verhindern. Ich gab Anweisungen, keinen der Killer nach Taba hineinzulassen. Wir kämpften gegen die Milizbanditen in Taba. Einige von diesen wurden sogar getötet. Wie sollte ich aber mit nur sechs Polizisten gegen bewaffnete Banden kämpfen? In Kigali waren Kämpfe und Morde weit verbreitet. Menschen flohen von Kigali nach Taba, alte Leute, Männer, Frauen, Kinder und auch schwangere Frauen. Taba galt als sichere Zone.“

Der Begriff „Genozid” war den Ruandern vor 1994 so gut wie unbekannt. „Wir hatten in der Schule über den Genozid an den Juden gelernt,“ sagte Akayesu, „aber erst längere Zeit nach dem Beginn meines Verfahrens lernte ich die Bedeutung dieses Begriffs zu verstehen, dass darunter ein systematischer Angriff gegen die Tutsis zu verstehen ist und dass ich angeblich Leute angestiftet habe, meine Tutsi-Mitbürger zu ermorden. Dabei tat ich gerade das Gegenteil! Zum Beispiel traf ich am ersten Tag, an dem die Massaker in Taba begannen, an die hundert Menschen, die sich um einen ermordeten Hutu scharten. Die Mörder waren geflohen, weil sie wussten, dass ich sie verhaften wollte.“

Akayesu legt dar, dass das Zusammentreffen von Jahren des Kriegs, Präsident Habyarimanas Ermordung, Gerüchten von Massakern und Gewalt durch die RPF-Armee und Kämpfe und Schüsse in Kigali, die bis Taba zu hören waren tausende Menschen dazu gebracht hatten, in seinen Ort zu flüchten. Im Mai 1994 hielten sich rund 140.000 Menschen auf der Flucht im eigenen Land vor dem von der RPF geführten Krieg in und rund um Taba auf, alle von ihnen mussten mit Nahrung und Unterkunft versorgt werden. „Was hätte ich mit nur sechs Polizisten unternehmen können, um die Morde zu beenden?“

Jetzt kennt Akayesu die rechtliche Bedeutung des Begriffs „Genozid” und verbüßt eine lebenslange Freiheitsstrafe für das Verbrechen des Genozids, dennoch weist er kategorisch diese Bezeichnung zurück, wenn es um die Beschreibung der ruandischen Tragödie geht. „Es gab Hutus und Tutsis im gesamten ruandischen Staatsapparat, in allen politischen Parteien einschließlich der Partei des Präsidenten und der bekannten Interahamwe. Sogar der Führer der Interahamwe war ein Tutsi. Glauben Sie, dass es möglich ist, die Ausrottung der Tutsis zu planen, ohne dass diese das mitbekommen hätten? Wäre das auch nur möglich? Ich glaube nicht. Betrachten Sie Präsident Habyarimanas eigene politische Umgebung und Sie werden feststellen, dass es da viele Tutsis gab, die seine guten Freunde waren. Wer könnte geplant haben, die Tutsis auszurotten, ohne dass diese das erfahren hätten?“

Als das Appellationstribunal in Den Haag sein Urteil fällte, dachte Jean-Paul Akayesu an und bezog sich auf Dreyfus, der hundert Jahre früher zu Unrecht verurteilt worden war. „Wie Dreyfus war ich das Opfer von Ungerechtigkeit von Anfang an und ich habe nie aufgehört, das anzuprangern und meine Unschuld zu betonen. Als ich am 10. Oktober 1995 in Lusaka verhaftet wurde, verhafteten sie mit mir auch einen Minister, einen Präfekten und einige höhere Beamte. Alle die anderen wurden entlassen. Ich blieb eingesperrt. Sie behielten mich weiterhin im Gefängnis, da sie Beweise gegen mich fälschen wollten, was einfach ging bei einem Bürgermeister, der mit den Leuten lebte und von ihnen gewählt wurde. Aber das macht überhaupt keinen Sinn. Sie entlassen den Präfekten, die hohen Beamten und den Minister, von denen jeder über einen Genozid entscheiden oder einen solchen hätte planen können, aber sie sperren den Bürgermeister einer kleinen Stadt ein, dem nur sechs Polizisten zur Verfügung stehen.“ Danach bestellte das Tribunal einen Verteidiger gegen Akayesus Willen und verstieß damit gegen alle seine eigenen Statuten und Verhaltensregeln. Dann kam die Berufung.

Der Bürgermeister von Taba war der Erste, der von einem internationalen Tribunal verurteilt werden sollte, das zur Aufrechterhaltung seiner eigenen Glaubwürdigkeit und zur Rechtfertigung von bereits ausgegebenen US $ 350 Millionen zu einer Verurteilung kommen musste, die auch in der Berufungsinstanz standhielt. Es überrascht daher keineswegs, dass die Berufungsinstanz ihr Urteil, mit dem sie Jean-Paul Akayesus Berufung anfangs März 2001 zurückwies, schon vorbereitet hatte, bevor sein Berufungsschreiben auch nur ins Englische übersetzt worden war für die Richter, von denen einer kein Wort Französisch verstand.

Die endgültige Entscheidung erfolgte am 1. Juni 2002. Drei Monate davor hatte sich ein Tutsi (Zeuge BBB) mit Jean-Paul Akayesus Familie in Verbindung gesetzt. Als Akayesu BBBs eidesstattliche Aussage mit detaillierten Angaben darüber, wie fast alle Beweise im Verfahren gegen ihn gefälscht worden waren bei der Berufungsinstanz einreichte, weigerte sich diese, diese zu berücksichtigen und fanden es nicht einmal nötig, eine Anhörung abzuhalten, um die Seriosität der Aussage zu überprüfen.

Nachdem er 1995 verhaftet worden war, war Jean-Paul Akayesu der vollen Überzeugung, er würde in ein paar Wochen entlassen werden. Genau das sagte er seiner Frau. Nach acht Jahren hinter Gittern ist er extrem verbittert über den internationalen Strafgerichtshof für Ruanda. „Es ist ein Tribunal mit einem Auftrag! Ein ad hoc Tribunal, eingerichtet um ruandische Hutus zu bestrafen. Es hat ernstzunehmende und glaubhafte Enthüllungen über Präsident Habyarimanas Ermordung und die abscheulichen Verbrechen gegeben, welche die RPF begangen hat. Das Tribunal hat diese alle ignoriert. Es kultiviert Straflosigkeit für die derzeitige ruandische Regierung.“

Ungeachtet seiner bitteren Erfahrungen hat Jean-Paul Akayesu die Hoffnung nicht verloren. Er ist wie viele andere politische Gefangene oder zu Unrecht Verurteilte, die im Lauf der Zeit allgemeine Bekanntheit erlangt haben. Sorgfältig hält er seine schriftlichen Unterlagen in Ordnung. Immer schreibt er und bereitet sich auf die Wiederaufnahme seines Verfahrens vor, im Vertrauen darauf, dass er letztlich seine Unschuld beweisen und dann in der Lage sein wird, mit seiner Familie zusammen zu kommen, die derzeit über alle Welt verstreut ist.




124 Langston Hughes, 1942, in Collected Works of Langston Hughes, Volume 2, The Poems: 1941-1950, University of Missouri Press, Columbia and London, 2001.

125 Die wirklichen Namen der Zeugen werden nicht genannt.

126 Eidesstattliche Aussage von BBB vor Éric THIBAUT de Maisières, Notar in Saint-Gilles (Brüssel). Jean-Paul Akayesus Anwalt John Philpot traf BBB an drei Tagen. Der Name des Zeugen wird nicht genannt, aus Gründen seiner und der Sicherheit seiner Familie. Hier die originale Aussage in französisch: “Approximativement au début de 1997 selon mon souvenir, on a commencé à parler des témoins de viol. Avant il n’y avait pas question de preuve de viol. M. Karangwa m’a dit qu’il y a des veuves et d’autres qui sont faciles à manipuler pour témoigner sur le viol.”

127 Ishmael Reed, Spielberg Plays Howard Beach, in Writin’ is Fightin’, Thirty-seven years of Boxing on Paper, Atheneum, New York, 1990, s. 145.

128 Sujata MOORTI, Color of Rape, Gender and Race in Television’s Public Spheres, State University of New York Press, 2002.

129 Ibid. s. 6.

130 Neun junge Afroamerikaner, die in Alabama der Vergewaltigung zweier weißer Frauen beschuldigt und eingesperrt waren, wurden zum Tod verurteilt. Die Urteile wurde bis auf eines umgewandelt, die "Scotsboro Boys" verbrachten lange Zeit im Gefängnis, bis sie nach einer massiven Unterstützungskampagne entlassen wurden.

131 The New York Times Magazine, Sunday September 15, 2002, “The Minister of Rape”.